Die folgenden Berichte wurden aus Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der Grunewald-Grundschule entnommen.

Weitere Erinnerungen finden Sie dort auf den Seiten 97 - 109.


Klassenkameraden berichten über das Schicksal der

Familie Gottschalk

Mehrere Zeitzeugen beschreiben, wie der Nazi-Terror in erschreckender Weise der Familie eines jüdischen Mitschüler die Lebensgrundlage entzogen hat.

Prof. Dr. H. Weidemann aus Freiburg berichtet in seinem Beitrag von der ideologisch-rassistischen Manipulation von Künstlern durch das Reichspropagandaministerium am Beispiel der UFA, sowie von seiner Erschütterung angesichts eines jüdischen Schicksals:

Anläßlich unseres 40-jährigen Abitur-Jubiläums an der Walther-Rathenau-Schule besuchten wir am 22. Februar 1993 unter anderem auch die Ausstellung »Die UFA 1917-1945« im Deutschen Historischen Museum. Der Besuch gestaltete sich zu einem Erlebnis der besonderen Art. Zu drei Punkten habe ich interessante Erkenntnisse gewonnen.

- Erstens ist die UFA bereits seit ihrer Gründung 1917 ein Propagandainstrument der Kriegsindustrie gewesen. Das war mir neu.
- Zweitens: ab 1933 wurde die systematische ideologisch-rassistische »Reinigung« des UFA -Betriebes durch die Nationalsozialisten konsequent durchgeführt. Das war mir natürlich teilweise bekannt.
- Drittens: von 1933-1945 haben sich für Nazipropaganda, Rassenhetze und Kriegsvorbereitung offensichtlich fast alle Schauspieler und sonstige Medienschaffende aktiv eingesetzt oder zumindest sich duldend missbrauchen lassen, die nach dem Zusammenbruch und Kriegsende 1945 in der deutschen Filmbranche der Nachkriegszeit munter weitergewirkt haben, und die danach von nichts mehr wissen wollten. Ich erspare mir; die Namen aufzuzählen, die in der Erinnerung wie Pilze in meinem Gehirn aufgeschossen waren. Mir war das in dieser massiven Form nicht bewusst gewesen. Sie waren alle, wie man sagt, nur Mitläufer gewesen!

Als wichtigsten Fund entdeckte ich jedoch in dieser Ausstellung ein Beweisstück, welches ich unbewusst seit Jahrzehnten gesucht habe und das in einem direkten Zusammenhang zu dem oben Beschriebenen steht. Da dieser Zusammenhang auch hautnah unsere Klasse angeht, berichte ich hier darüber:
In einem der letzten Abschnitte der ausgezeichnet organisierten Multimediaschau im Zeughaus war so etwas wie ein Altarraum für die Sehnsüchte »Lieschen Müllers« nach den früheren deutschen Filmschauspielern errichtet. Geschickt auf halbrunden, orangerosa getönten Stellwänden waren Hunderte von Original-Schauspielerfotos der damaligen Zeit gruppiert, welche vor allem die älteren Zuschauer magisch anzogen. Namen, Daten, kurze Bemerkungen waren sauber zu jeder Fotografie registriert. Auch mich faszinierte diese Szene, und ich vertiefte mich in Einzelheiten zu verschiedenen Gesichtern.
Mich traf der Name - Joachim Gottschalk - und unvermittelt wurde Erinnerung Realität. Ich hatte jahrzehntelang in Diskussionen mit ewigen Besserwissern versucht, meine Kindheitserlebnisse mit der Verfolgung und Vernichtung von Juden in meinem Grunewalder Heimatbezirk von Berlin glaubhaft zu machen. Was sind schon die Erinnerungsfetzen eines 8-jährigen Schülers wert? Hier hatte ich das Beweisstück vor Augen und schrieb stehenden Fußes mit krakeliger Schrift auf die Rückseite meines Ausstellungsprogramms: »Joachim Gottschalk, geboren 1904 Calau, gestorben 1941 Berlin«. Joachim Gottschalk fuhr von 1921-26 als Matrose zur See, bevor er 1928 sein erstes Engagement als Theaterschauspieler antrat. 1938 debütierte er auch im Film (»Du und ich«, Regie: Wolfgang Liebeneiner). Danach spielte er unter anderem bei Gustav Ucicky in »Aufruhr in Damaskus« (1939) und »Ein Leben lang« (1940). Der Schauspieler Gottschalk wurde populär Propagandaminister Goebbels versuchte, ihn zur Trennung von seiner jüdischen Frau zu zwingen. 1941 erhielt Joachim Gottschalk noch zwei Rollen in den Filmen »Das Mädchen von Fanö« und »Die schwedische Nachtigall«; eine dritte Rolle wurde ihm auf Veranlassung von Goebbels abgeschlagen. Angesichts des von Goebbels auf ihn und seine Familie ausgeübten Drucks nahm sich Joachim Gottschalk am 5. November 1941 mit seiner Frau Meta und dem gemeinsamen Sohn Michael das Leben. Nur wenige Kollegen kamen zur Beisetzung.

Am 6. November 1941 saßen im zweiten Stock der 12. Volksschule von Berlin in der Grunewalder Delbrückstraße im Klassenzimmer von Herrn Manske unter anderem die 8-jährigen Schüler Hermann Weidemann, Peter Roland, Christian Dörstling, Subklews und weitere und warteten auf ihren Mitschüler Michael Gottschalk. Ein hübscher; dunkelhaariger; feingliedriger Junge mit ausdrucksvollen braunen Augen. Der Mitschüler Gottschalk kam an diesem Tag aber nicht zur Schule. Er kam überhaupt nicht mehr. Die Familie sei an einer Gasvergiftung gestorben, hieß es von den Lehrern.

„Mutti, warum ist der Michael Gottschalk an einer Gasvergiftung gestorben mit seinen Eltern?“ fragte ich zu Hause. „Weißt du“, antwortete sie, „die Mutter musste auch einen Judenstern tragen wie Herr Gideon von gegenüber; der immer so nett zu dir war und den sie neulich abgeholt haben.“

Die Schauspielerkollegen des Jahres 1941 konnten wohl auf den Staatsschauspieler Joachim Gottschalk verzichten, jedenfalls liefen bei der Beerdigung der Familie, dies sagt mein Beweismittel aus, nur wenige mit. Alle aber waren sie nach 1945 als Mitläufer eines Regimes eingestuft worden, für welches sie von 1933 bis 1945 unter Oberbefehl von Josef Goebbels in zahlreichen Filmen jenes Gedankengut mitverbreitet hatten, welches die Tötung unseres Mitschülers Michael Gottschalk vorprogrammiert hatte.

- Dies waren für mich die Hauptaussagen der UFA-Ausstellung im Zeughaus.


Auch die Aufzeichnungen von Herrn Dirk Marotzke aus Sao Paolo beziehen sich unter anderem auf das bedrückende Schicksal der Familie Gottschalk:

Die Einschulung erfolgte Ostern 1939 mit Zuckertüte und Gottesdienst in der kleinen Kirche in der Bismarckallee. An keinen der Lehrer kann ich mich erinnern - jedoch an den Herrn Rektor, der mich durch seine markante Persönlichkeit und sein Erscheinungsbild wohl mächtig beeindruckt haben muss.
Zu meinen Freunden gehörten in erster Linie Guenther Zimmer (seine Eltern führten, was man damals als Gemischt- oder Kolonialwarenladen bezeichnete - in der Nähe der Koenigsallee, dort, wo die Straßenbahn in Richtung Roseneck abbog) und Herbert Wiedemann (er wohnte in einem Mietshaus in der Nähe des S-Bahnhofs Grunewald). Von beiden habe ich nie wieder etwas gehört.

Als Dritten gab es dann den Michael Gottschalk, mit dem ich täglich meinen Rückweg aus der Schule teilte, da er etwa auf dem halben Wege von mir sein Zuhause hatte. Eines Tages (es war 1940 oder 1941) war mein Freund Michael spurlos verschwunden.

Alle Welt, einschließlich meiner Eltern, hüllte sich auf Fragen meinerseits in Schweigen, beziehungsweise flüchtete sich in ausweichende Antworten. Wie ich viele Jahre später erfuhr hatte die ganze Familie Gottschalk Selbstmord begangen, da Michaels Vater ein bekannter Schauspieler, mit einer Frau jüdischen Glaubens verheiratet war. Er zog den Freitod der gesamten Familie vor um sich nicht von seiner Frau trennen zu müssen, so wie man es offensichtlich von ihm gefordert hatte.

Das war mein erstes Zusammentreffen mit den Grausamkeiten des Naziregimes. Wie man mir sagte, ist die Familie in Berlin beigesetzt worden. Daher werde ich bei einem zukünftigen Berlin-Besuch versuchen die Grabstätte zu finden, um meinem Schulfreund ein recht verspätetes

„Lebe wohl!“

zu sagen.

Grunewald-Grundschule - Delbrückstr. 20A - 14193 Berlin - Deutschland