Die folgenden Berichte wurden aus Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der Grunewald-Grundschule entnommen.

Weitere Erinnerungen finden Sie dort auf den Seiten 97 - 109.


Schulalltag während der Kriegsjahre

Klaus Nothvogel, geboren am 3. März 1934, berichtet:

Bei der Lektüre der »Grunewald-Chronik« 1974 anläßlich der 75-Jahrfeier der Grunewald-Grundschule fiel mir auf, dass meine Schulzeit von 1940-1943 überhaupt nicht erwähnt wurde. Der damalige Schulleiter Herr Welz, hatte in seinem Vorwort auch bedauert, dass insbesondere für die Zeit von 1930 bis 1945 kaum Material eingegangen war. Das stimmte mich insofern traurig, als ich - wenn ich seinerzeit rechtzeitig etwas über dieses Jubiläum erfahren hätte - gern von einigen Erlebnissen aus dieser Zeit berichtet hätte. Das möchte ich nun für diese Jubiläumsschrift anläßlich der 100-Jahrfeier der Grunewald-Grundschule nachholen:

Am 1. April 1940 wurde ich in die 12. Volksschule in der Delbrückstraße 20a eingeschult. Aus heutiger Sicht muss ich mir schon bald bewusst geworden sein, dass das kein Aprilscherz war, denn es war Krieg und die Begriffe Macht, Disziplin, Ordnung, Zucht und auch Mangel gehörten zum Schulalltag. Immerhin wurden wir etwa 25 Schüler der Klasse 1a, nach einer Begrüßungsansprache wieder aus dem Schulgebäude hinausgeführt und hatten dann quasi unseren ersten Schulausflug in Richtung Grunewaldkirche in der Bismarckallee zu einem Einschulungsgottesdienst, der von Pfarrer Priebe gehalten wurde. Ich habe später oft darüber nachgedacht, warum diese für die Zeit des nationalsozialistischen Regimes ungewöhnliche Tradition damals überhaupt gepflegt wurde. Dann erinnere ich mich, dass wir nach dem Gottesdienst sofort nach Hause geschickt und für den nächsten, den zweiten Schultag, zum Grunewald-Gymnasium in der Herbertstraße bestellt wurden. Dort hatten wir etwa eine Woche lang Unterricht - in geheizten Räumen.

Ich erinnere mich noch an die Verwunderung meiner Eltern, als ich von der Herbertstraße allein nach Hause zur Egerstraße kam, ohne auf meinen älteren Bruder zu warten, der bereits das Grunewald-Gymnasium besuchte. Die Umstände haben uns damals sehr rasch zur Selbständigkeit erzogen. Wer nach dem dritten Schultag noch zur Schule gebracht oder von dort abgeholt wurde, galt zudem als »Muttersöhnchen«. Dazu muss erwähnt werden, dass es damals so gut wie keinen Autoverkehr gab. Allerdings mussten wir beim Überqueren der Hubertusbader Straße auf die Straßenbahn achten, die in beiden Richtungen kreuzte. Davor hatten wir allerdings größeren Respekt als vor dem Rohrstock, der bei Verfehlungen in der Schule drohte.

Dabei muss ich an ein Ereignis aus dem Jahr 1942 denken, als plötzlich alle Klassen auf dem Schulhof antreten mussten. Was war geschehen? Ein Schüler einer höheren Klasse, etwa zehn bis zwölf Jahre alt, hatte im Grunewald mit Streichhölzern gespielt und war dabei vom Förster überrascht worden, der den Vorfall sofort der Schulleitung meldete.

Vor »versammelter Mannschaft« wurde er mit dem Rohrstock »öffentlich gezüchtigt«.

Wenn wir heute im Fernsehen gelegentlich derartige Szenen in historischen Filmen gezeigt bekommen, glauben wir an Spuk und Phantasie der Autoren oder Regisseure. Die geschilderte Begebenheit hat sich jedoch damals vor meinen Augen ereignet.

Ich weiß nicht, ob ich stolz darauf sein durfte, wenigstens während der Schulzeit in der Delbrückstraße dem Rohrstock entgangen zu sein. Später, 1944, erwischte es mich dann in der Volksschule während der Evakuierung, weil ich einmal vergessen hatte, gesammeltes Altpapier in die Schule mitzubringen. In der Kolonie Grunewald hatten wir übrigens immer fleißig gesammelt und in der Schule abgegeben: Lumpen, Papier, Stanniol, und anderes. In vielen Villenhaushalten gab es noch meist ältere Hausangestellte, die uns gern und reichlich »belieferten«. Besonders gefragt waren leere Zahnpastatuben wegen des Stanniols.

Wenn ich heute das Wort »Schülerstress« höre oder lese, weiß ich nicht, wie ich unser damaliges körperliches und seelisches Befinden einordnen soll. Nach dem Unterricht und den häuslichen Schularbeiten blieb noch etwas Zeit für Verabredungen mit Freunden: Geländespiel, Murmelbahnbau, oder auch mal ein Kinobesuch, zum Beispiel »Wettlauf zwischen Hase und Igel«, oder »Quax der Bruchpilot« füllten unsere freien Stunden.

Unser bevorzugtes Spielterrain war der begrünte Innenhof des Häuserblocks Teplitzer-, Eger-, Karlsbader- und Berkaer Straße. Meine damaligen Schulfreunde, Gustav Huperz, Peter Teichgräber und Klaus Zibrovius wohnten alle in diesem Block mit den damals einmaligen »Penthouse«-Wohnungen im Obergeschoß. Nach dem Abendbrot mussten wir pünktlich ins Bett, denn irgendwann nach Mitternacht wurden wir häufig aus dem Schlaf geweckt: Fliegeralarm. Viele haben schon beim Sirenengeheul gezittert. Im Luftschutzkeller schliefen einige Kinder wieder ein, aber oft lenkten wir uns mit Spielen ab und waren froh, wenn nach einem krachenden Bombeneinschlag die Kellerdecke unversehrt blieb. Nach der Entwarnung schliefen wir dann vielleicht wieder in unseren Betten ein. Meist holte ich nach dem Frühstück von der Egerstraße aus meinen Schulkameraden Detlef Pfeifer aus der Berkaer Straße zum gemeinsamen Schulweg ab. Oft war er noch übermüdet und außerdem gelegentlich ängstlich wegen vergessener Hausaufgaben, ein Vergehen, das im Wiederholungsfall auch mit dem Rohrstock geahndet werden konnte.

Unter Berücksichtigung der damaligen Umstände und Bedingungen muss man sich heute fragen, was manche Lehrer seinerzeit eigentlich bei den zwar gesetzlich sanktionierten, zuweilen auch amtlich empfohlenen, aber niemals zwingend vorgeschriebenen Züchtigungsmaßnahmen empfunden haben. Es gibt für alle Diktaturen wohl nur die Erklärung, dass Schulunterricht als Vorstufe zur militärischen Erziehung zu verstehen war. Wir hatten jedoch insofern Glück, da wir Herrn Manske als Klassenlehrer und Fräulein Lippert als Fachlehrerin zugeteilt bekamen.

In der ersten Klasse lernten wir noch die deutsche Schrift, so dass ich noch heute Briefe und Bücher in dieser Schrift lesen kann. Von der zweiten Klasse an mussten wir dann die lateinische Schrift lernen. Eine Besonderheit bei Herrn Manske war das Schönschreiben nach Zeit, wobei in einer Unterrichtsstunde möglichst viele Wörter zugleich sehr sauber geschrieben werden sollten, natürlich mit Federhalter, Tinte und ohne Kleckse. Dafür gab es dann gute Zensuren.

Etwas strenger war Herr Treichelt als Rechenlehrer. Der Schuldirektor war zu dieser Zeit Herr Scharnow. Eine gefürchtete Lehrerin, vor allem in den Mädchenklassen, war nach meiner Erinnerung Frau Grißhorn. Wegen der verschiedenen Pausenaufsichten war es immer wichtig, die Eigenheiten der verschiedenen Lehrkräfte genau zu kennen. Oft wurden auch Mädchen und Jungen der höheren Klassen als Aufsichten eingesetzt, von uns mehr oder weniger geliebt.

Auf meinem letzten Zeugnis der Volksschule in der Delbrückstraße stand: »Versetzt in Klasse 4a«. Dann wurde jedoch wegen der verstärkten Luftangriffe die Evakuierung aller Schüler aus Berlin angeordnet. Da meine Eltern in Ketzin an der Havel ein Grundstück hatten, durfte ich dort weiter zur Schule gehen. Im Sommer 1944 wechselte ich zur Oberschule nach Potsdam, wo nach dem schweren Angriff im Frühjahr 1945 der Unterricht endete, da die Schule zum Lazarett erklärt wurde.

Als ich nach dem Ende des Krieges, Ende Mai 1945, nach Berlin zurückkehrte, traf ich einen Mitschüler aus der Delbrückstraße, der mir zwei betrübliche »Neuigkeiten« berichtete: Mein Schulweg-Kamerad Detlev Pfeifer war inzwischen an Diphtherie gestorben, und unser Klassenlehrer Herr Manske, war in der Eingangstür seiner Wohnung von Rotarmisten erschossen worden, als er seine Tochter schützen wollte.

Anfang Juni besuchte ich dann das Grunewald-Gymnasium, später Walther-Rathenau-Oberschule, bis zum Abitur im Februar 1953. Dort traf ich einige Freunde aus der Volksschule wieder Zu unserem 45. Abiturtag, den wir in Berlin mit großer Beteiligung feierten, waren unter anderem sechs Mitschüler gekommen, die sich von Anfang der Schulzeit an kennen. Trotz der damaligen schweren Zeit wurde also in der heutigen Grunewald-Grundschule vor mehr als 50 Jahren der Grundstein für eine einmalige freundschaftliche Verbundenheit gelegt.

Grunewald-Grundschule - Delbrückstr. 20A - 14193 Berlin - Deutschland