Multikulturelle Erziehung im Schulalltag

Renate Adler

Luis war der erste Schüler, der mit geringen Deutschkenntnissen in meiner 5. Klasse saß. Er war 1974 mit seinen Eltern nach dem Sturz Allendes aus Chile geflohen, er lernte schnell.

An der Grunewald-Grundschule gab es nur vereinzelt türkische Schüler, doch wir lasen als Klassen-lektüre "Wir sind doch nicht vom Mond" (Türken in Deutschland) und die Schüler stimmten freudig zu, als ich ihnen vorschlug, sich mit einer türkischen Klasse aus Kreuzberg zum gemeinsamen Wandertag zu treffen. Wir zeigten ihnen unsere Schule und dann ging es los zur Krummen Lanke. Beim Auspacken des Wanderproviants ging schon das Tauschen los, man probierte gegenseitig, und als die Türken sich als geschickte Fußballer zeigten, war alles gewonnen. Wir besuchten sie in Kreuzberg und sie kamen zum Fasching zu uns (auch die Mädchen!). Zu Weihnachten gab es gegenseitig Julklapp-Päckchen.

Ende der 70er Jahre kamen immer mehr Vietnamesen nach Berlin. Viele waren als »boat-people« von der »Cap Anamur« aufgefischt worden. Der Vater von Tran und Han - selbst ein Lehrer - hatte nur sein Musikinstrument gerettet. Sie wurden wie Nguyet, Tao und die anderen in den vom Roten Kreuz geführten Heimen in der Lassenstraße untergebracht. Am 28.9.79 nennt das Protokoll einer Besprechung mit der Heimleitung 30 vietnamesische Schüler, für die an unserer Schule Unterricht von der 2. bis 6. Klasse organisiert wurde. Am Anfang täglich 2 Stunden pro Klassenstufe. Dazu kamen noch ca. 20 ältere Schüler, für die wir eine eigene Klasse einrichteten, um diese Gruppe intensiv in Deutsch zu fördern. Dies blieb aber ein einmaliger Versuch. An unserer Schule bevorzugten wir für jüngere Schüler die Integration in den Normalklassen, weil die Kinder stark vom Umgang mit ihren Mitschülern profitierten.

Der Förderunterricht »Deutsch für Ausländer« machte mir all die Jahre viel Freude, besonders zu sehen, wie die zunächst so stillen, manchmal verschüchterten Kinder langsam auftauten, im Spiel sich zu bewegen, zu singen, zu sprechen begannen. Wir spielten Bilder-Lotto, ordneten Bilderkarten nach Oberbegriffen, stellten Möbel um, zogen Kleidung an und aus, probierten Speisen und Früchte, immer dabei neue Wörter lernend. Wir stiegen auf den Stuhl und saßen unter dem Tisch oder suchten im Schrank usw. Haftbilder aus dem Englisch-Material halfen dabei, später auch Bücher. Wir übten Rollenspiele, bald erzählten die Kinder auch von ihren Erlebnissen im Heim oder in der Klasse, manchmal auch von zu Hause.

In den 80er Jahren stieg die Zahl der Aussiedler aus Russland und Polen. Vor allem jüdische Familien, die nicht nach Israel gehen wollten, schickten ihre Kinder zu uns. Ljubow war schon von ihrem Großvater angemeldet worden, ehe sie mit ihren Eltern Leningrad verlassen durfte. Der Großvater hatte sich umgehört und kam aus Tempelhof, um seine Enkelin bei uns unterzubringen Sie lernte ganz schnell Deutsch, bekam schließlich eine Gymnasialempfehlung und hat nun ihr Abitur. Der Zustrom aus dem Osten hielt auch in den 90er Jahren an. Schließlich kamen die Flüchtlinge aus Jugoslawien. Pro Kind gab es 1 Wochenstunde Deutsch für Ausländer, zusammengefasst zu Gruppen konnten das mehrere Stunden pro Woche werden. Immer wieder zeigte es sich, wie gut den Kindern nach so viel erlebten Frustrationen diese Zuwendung der Lehrer in den kleinen Gruppen tat, wie sie auftauten und sich dann bald in ihren Klassen integrieren konnten. Wir hatten an unserer Schule allerdings immer den Vorteil, dass Kinder mit fehlenden oder geringen Deutschkenntnissen in ihren Klassen stets Minderheiten waren, also sprachlich vom Umgang mit ihren Mitschülern profitieren konnten, während die deutschsprachigen Kinder ihren Horizont durch den Kontakt mit den Ausländern erweiterten.

Zeitweilig hatten wir sogar Deutsch als Fremdsprache schon in der Vorschule des jüdischen Kindergartens angeboten. Zweimal wöchentlich unterrichtete ich dort kleine Gruppen in der geschilderten spielerischen Weise.

Ausländer an unserer Schule - dazu gehören natürlich auch die Besuche ausländischer Lehrergruppen.

Sie kamen aus afrikanischen Ländern wie Kongo, Kenia, Elfenbeinküste, Ghana, aber auch aus Japan, aus China, aus den USA, Schweden oder Israel. Meistens nahmen sie ein paar Stunden am Unterricht der Klassenstufen und Fächer ihrer Wahl teil und kamen dann zum gemeinsamen Gespräch ins Lehrerzimmer. Für die Schüler war solcher Besuch meist eine willkommene und spannende Abwechslung. Sie staunten, wenn die Gäste ihnen auf der Landkarte ihre Herkunftsländer zeigten und durften dann Fragen stellen. Selbst Fragen wie "Esst ihr viele rohe Sachen? Reitet ihr auf Elefanten? Könnt ihr uns einen Tiger schicken?" wurden von unseren afrikanischen Gästen humorvoll aufgenommen. 

Grunewald-Grundschule - Delbrückstr. 20A - 14193 Berlin - Deutschland